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26. Tag 2017

26. Tag

Kutaisi soll die zweitgrößte Stadt in Georgien sein, nur unwesentlich größer als Batumi. Es gibt zwei Universitäten. Einmalig auf dieser Reise ist: Es gibt ein Touristen Informationszentrum. Ein Stadtplan ist genauso selbstverständlich zu erhalten wie Hinweise zu den Sehenswürdigkeiten. Alles erscheint mir irgendwie geordneter. Ob es daran liegt, dass hier das Parlament tagt? Extra deswegen wurde vor den Toren der Stadt ein hypermodernes Gebäude errichtet.

Nach dem Frühstück werde ich pünktlich abgeholt. Wir sind 5 Deutsche im Mietwagen. Die beiden Deutschen von gestern Abend und zwei Backpackerinnen. Alle sind 30 oder kurz darunter, also gut drauf! Wir kommen gut klar. Auf meine Bemerkung, dass ich Berufspessimist sei antwortet die eine: Endlich haben wir hier eine Abwechslung!

Erste Station auf der Fahrt durch die Berge ist die Prometheus-Höhle. Es geht vorbei an Wohngebieten der Nomenklatura aus der Zeit der Sowjetunion. Heute ist das meiste leer oder zerfallen. Hier im Kalkhaltigem Gestein hat sich über Jahrmillionen ein Höhlensystem aus mehreren Kammern gebildet. Es wurde erst 1984 entdeckt und 2012 eröffnet. Unser Fußweg über ca. 1,5 km führt durch 16 große Säle. Alle sind mit farbigem Licht attraktiv ausgeleuchtet und bietet viele Blickfänge. Hauptattraktion ist ein unterirdischer See, auf dem man eine Bootsfahrt machen kann. In der ersten Augusthälfte dieses Jahres haben schon 8500 Menschen diese Tropfsteinhöhle besucht. Durch die Erdbeben haben sich eigenartige Formationen gebildet. Auch die zweite Station ist ein Highlight. Den Martvily Canyon erreicht man, indem man nach dem Parkplatz einen abschüssigen Weg nimmt, der relativ gut ausgebaut ist. An der Station bekommt man Schwimmwesten angelegt und muss in ein Schlauchboot steigen. In jedem Boot sitzt ein erfahrener Guide. Das Wasser fließt träge und man muss selbst paddeln. Bereits nach wenigen Metern befindet man sich in einer Schlucht. Zu beiden Seiten ragen die Wände ca. 20-30 hoch empor. Höhepunkt ist ein Wasserfall, den man nach mehreren hundert Metern paddeln erreicht. Alles wird von einem privaten Investor (oder einer Genossenschaft?) getragen und dient der Arbeitsbeschaffung. Neben den ca. 10 ständig präsenten Bootsführern(keine eigenen Boote sondern gute Schlauchboote gleichen Typs und sauber!) gibt es Leute für den Einlass, dem Austeilen und Anlegen der Schwimmwesten, dem Bewachen des Parkplatzes und vielem mehr. Allein an diesem Tag sind hier gut 30 Menschen gleichzeitig beschäftigt. Derartig durchorganisiert ist dieser Teil unseres Ausfluges natürlich eine große Attraktion unter den Touristen. Zumal man anschließend Zeit hat in der anderen Richtung ein wenig zu wandern. Hier wird der Fluss nämlich zu einem mehrstufigen Wasserfall, der einen Höhenunterschied von mindestens 20 m aufweist. Bei der Fahrt zur nächsten Attraktion steigt Rauch aus den Bergen vor uns empor. Wenige Minuten später sehen wir das Dilemma. Ein Russe hat seinen Rover in der Hitze und den Serpentinen zu sehr strapaziert. Im Motorraum entstand Feuer, das sehr schnell auf die Gummiteile übergriff. Jetzt muss er zusehen, wie das Fahrzeug ausbrennt. Als wir ankommen steht der Innenraum in Flammen und mit lautem Knall zerplatzen die Reifen. Viel retten kann er nicht. Glücklicherweise ist dem Paar Nichts passiert. Die meisten Schaulustigen haben Handys, aber keine Feuerlöscher, die bei dieser Hitze ohnehin nutzlos wären. Wir drehen um, denn die Löschung und Bergung wird mindestens eine Stunde dauern. Der Krankenwagen ist sehr schnell da. Die Feuerwehr begegnet uns unterwegs. Aus dem alten SIL aus Sowjet-Zeiten ist das Kühlwasser ausgelaufen und muss nachgefüllt werden. Wir nutzen die Zeit um ein wenig in einem „Restaurant“ an der Straße zu essen. Der Okatse-Canyon, den wir anschließend erreichen, ist ein über 100 m tiefes bewaldetes Schluchtengebilde. An der einen Seite des Felsens schmiegt sich ein Pfad entlang. Mit viel Liebe und Mühe wurden Treppen und Wege aus Metall direkt am Fels befestigt. Gut 400 m kann man so bis zu einer imposanten Aussichtsplattform gehen, immer unter sich die Schlucht und über sich den Himmel. Für Menschen mit Höhenangst ein echte Problem. Der Wald sorgt für ein eindrucksvolles und angenehmes Klima und eine beruhigende Stimmung. Auch die letzte Station ist noch ein Geheimtipp. Der Kinchkha Waterfall ist noch nicht touristisch erschlossen. Aus 70 m Höhe stürzt das Wasser herab. Zu dieser Jahreszeit ist es etwas spärlich, aber es ist schon imposant nach oben zu schauen. Hinzu kommt, dass ein anderer Fluss hier im Gestein Vertiefungen ausgewaschen hat, in denen man gut baden kann. Zu dieser nachmittäglichen Stunde liegt der Schwerpunkt aber auf dem gemütlichen Teil des Tages bei den Einheimischen. Zum Glück gibt es 2,5 l Bierflaschen. Da muss an nicht so viel tragen und auch die Müllmenge hält sich so in Grenzen.

Es ist ein ereignisreicher Tag gewesen. Im arabischen Restaurant um die Ecke lasse ich alles nochmal nachwirken. Es ist manchmal ein Wunder, was so ein kühles blondes Bier nach so einem Tag bewirken kann. Ich habe Urlaub!

25. Tag 2017

25. Tag

Endlich mal wieder ein Tag, an dem alles klappt. Nur an das Frühstück um 9.00 Uhr werde ich mich nicht gewöhnen können. Es gibt frische Pommes und ich merke, dass sie mir bekommen. Von dem „Kompott“ hole ich mir 4 oder 5mal Nachschlag. Es ist ganz leicht eingedickter Fruchtsaft, in dem noch die Früchte schwimmen. Irgendwie bedauere ich es, weiter zu fahren. Die hohe Luftfeuchte von teilweise über 90 % ist mir gut bekommen. Oder sind es die positiven Nachrichten von zu Hause, die mich mit gestärktem Unternehmungsgeist die Sachen packen lassen? Die nächsten nicht ganz 200 km zum meinem nächsten Ort sind unspektakulär. Auf den Landstraßen findet das übliche Hineindrängeln in den Sicherheitsabstand statt. In Russland fährt man inzwischen wesentlich vorsichtiger, seitdem die Versicherungsprämien nach Auffahrunfällen drastisch erhöht wurden. Aber hier gelten andere Gesetze! Glücklicherweise sorgt die Polizei dafür, dass auf dem kleinen Teilstück Autobahn keine Kühe auf der Fahrbahn sind. Aber unvermittelt kann es zu Vollbremsungen kommen, weil ein Autofahrer frische Melonen kaufen will, die am Fahrbahnrand der Autobahn angeboten werden. Dann wird eben mal ohne anzublinken (wozu? Hupen reicht!) über alle Spuren gewechselt und dabei von 120 auf 0 runter gebremst. Das die Melonen, derentwegen dieses Manöver stattfindet, dort schon mehrere Wochen liegen ist natürlich Propaganda aus den USA. In Wirklichkeit sind sie vor wenigen Minuten frisch vom Feld gepflückt und nach ihrem Genuss wird man 130 Jahre alt! Genauso verhält es sich auch mit dem anderen Obst und Gemüse sowie dem Fisch, der hier im Staub der Landstraße an verschiedenen Ständen seinen Käufer sucht. Nur bei Fleisch ist man vorsichtiger, auch weil es so wenig gekauft wird. Hier in Georgien habe ich es noch nicht an den Straßen bemerkt, in Azerbeijan in jedem Ort! Ein Tier wird morgens geschlachtet oder geschächtet oder sonst wie getötet und zerteilt. Das Fleisch wird mit durchsichtigen Gardinen verhangen bis es gekauft wird. Dann ist das nächst Tier an der Reihe. Und mal ehrlich: an so einem Schaf oder an einer Ziege ist nicht viel dran. Auch ein Jungbulle hat mehr Innereien als verkaufsfähiges Fleisch!

Je mehr ich in das Landesinnere komme, desto mehr nähern sich die Berge des kleinen und des großen Kaukasus an. Die Temperatur steigt auf erträgliche 32 Grad. Ich komme rechtzeitig kurz nach dem Mittag an und kann mir eine Übernachtung aussuchen. Meine Recherchen am Vortage brachten kein eindeutiges Ergebnis. Das billigere Hotel befindet sich auf einem Berg, 20minuten Fußweg bis zur Innenstadt. Dazu bin ich zu faul, auch wenn es nach meinem Prospekt nur 10 Euro kosten soll! Das zweite ist doppelt so teuer und befindet sich in der Innenstadt. Im Verkaufsgespräch stellt sich heraus, dass es 27 Euro kostet soll, dafür bekomme ich aber ein Zimmer mit 4 Betten. Es ist eines der wenigen Hotels auf dieser Reise, das jeden Vergleich mit unseren Hotels bestehen kann. Hohe Räume in einer Villa, liebevoll und geschmackvoll eingerichtet, alles sauber und gerade! Klimaanlage und WLAN inklusive, Frühstück 3 Euro Aufpreis. Dafür ist es aber auch bei Strafe von 20 Dollar verboten im Zimmer zu rauchen, Wäsche zu waschen oder Speisen einzunehmen.

Kutaisi hat nicht viele Sehenswürdigkeiten. Die Kirche aus dem 11. Jahrhundert hatten die Türken, Osmanen oder wie sie auch immer heißen mögen im 17.Jahrhundert gesprengt, so dass kein Stein über dem anderen blieb. Seit 1994 ist sie Weltkulturerbe und man hat sich bemüht sie vollständig zu rekonstruieren. Dabei hat man nicht mehr vorhandene Steine durch neutrale ersetzt. An einer Stelle fehlte sehr viel und man hat eine Stahl-Glas-Konstruktion eingefügt. Das wiederum führte dazu, dass man jetzt nach langer Diskussion dem Objekt in diesem Jahr den Titel als Weltkulturerbe aberkannt hat. Nach der Besichtigung schlendere ich noch ein wenig über den Markt, einer weiteren Attraktion. Man muss sich das wie das Parkhaus Wehdehof in Lübeck vorstellen. Parterre und in den Untergeschossen befinden sich dichtgedrängt ein Verkaufsstand an dem anderen. Alle bieten das gleiche an, zu gleichen Preisen. Natürlich müssen die Händler für jeden Quadratmeter Verkaufsfläche zahlen aber als Besucher quält man sich durch enge Gassen und wird von den Händlern angesprochen. Internationales Flair wird dies genannt und findet hoffentlich nicht sehr bald in Lübeck Einzug. Andererseits: in der Königstraße und in den Seitengassen ist es bereits andeutungsweise so.

Ich treffe zufällig Leute aus Mecklenburg, die gerade angekommen sind. Sie wollen eine Woche in die Berge zum Wandern. Sicher eine gute Idee. Wir sitzen ein wenig zusammen und werden von einem jungen Paar in Deutsch angesprochen. Die suchen noch Mitfahrer für einen Tagestrip mit einem Mietwagen, um die Kosten zu teilen. Ich muss nicht lange überlegen, denn den Trip hatte ich mir sowieso vorgenommen, nur an einem andern Tag! Mal sehen, was daraus wird!

23. Tag 2017

23. Tag

Das Hotel ist tatsächlich ein Geheimtipp. Pünktlich um 8.00 Uhr steht das Frühstück da: Brot, zwei gekochte Eier, etwas Tomate, Tee: Mehr habe ich auch nicht erwartet. Ich muss Technik-Pflege machen. Eine Waschanlage ist relativ schnell gefunden, bei der Suche nach einer Werkstatt zum Kette spannen hilft die Polizei. Schnell noch Tanken und dann los. Überall habe ich nach den Straßenverhältnissen in den Bergen gefragt. Es seien Gebirgsstraßen, wird mir immer geantwortet. Kein Asphalt, kein Beton sondern Felsen, also offroad. Mit dem Auto sehr schwer zu befahren, mit dem Motorrad schon eher! Ich bin ein alter Mann von über 60 Jahren, die Kräfte sind nicht die wie vor 20 Jahren und ich habe etwas öfter Angst. Sollen sich doch die Jungspunte dort austoben, ich nehme einen Umweg von 200 km!

Die Hauptverkehrsstraße gleicht unserer Landstraße und die ersten 100 km sind malerisch schön. Je weiter man in das Tal kommt, desto mehr Menschen gibt es und Städte und bekloppte Autofahrer. Und Wald, viel Wald. Jetzt merke ich erst, wie ich ihn vermisst habe in den letzten Wochen. Die nächsten 150 km sind stures Fahren. An den dichten Verkehr auf den teils sehr kurvigen Abschnitten gewöhne ich mich schnell. An Bahnübergängen oder auch in Ortschaften haben es die Hunde auf mich abgesehen. Ich weiß nicht genau, ob oder wann sie mich vom Motorrad zerren werden. Einer jedenfalls bekommt meinen Stiefel zu spüren und wird demnächst vorsichtiger sein. Manchmal möchte ich es auch bei einigen Autos machen, denn der seitliche Abstand zu mir beträgt oft nur 1/2Meter.

Ich treffe Motorradfahrer aus Russland, die mir mit leuchtenden Augen erzählen, dass sie auch in das Paradies der Erholung nach Batumi fahren. Mann, was waren das für Namen: Batumi, Suchumi, Sotchi! Wer dahin fahren durfte, war ein außergewöhnlicher Mensch! Diese Ortsnamen waren verbunden mit: Subtropischem Klima, schöne Badeorte, Kultur!

Bei der Einfahrt bekomme ich nicht viele mit von der Stadt. Bereits vorher musste ich einen Regenschauer bei 30 Grad abwarten und freue mich jetzt mehr auf eine Dusche, denn auf Stadtbesichtigung. Doch oh Schreck: Mein Hostel ist ausgebucht. Auch das zweite Hostel hat nur die Möglichkeit, mich in einem Gemeinschaftsraum unterzubringen. Für 7 Euro nehme ich diese Option in Kauf. Im 10-Bett-Zimmer bekomme ich den oberen Platz im Doppelstockbett zugewiesen. Die Mädels sehen mich zwar komisch an, aber was soll´s! Die Gemeinschaftsdusche ist ok, das Internet hakelt. Auch beim Abendessen geht alles schief. In dem relativ gut aussehenden Restaurant spielt die Bedienung ¼ Stunde mit dem Handy oder bedient eine Gruppe Russen mit Wodka-Flaschen auf dem Tisch. Als ich mich unübersehbar und unüberhörbar artikuliere bekomme ich endlich die Karte. Ich bestelle ein Hühner-Schaschlik. Auf dem Bild war ein Salat dabei mit Dip und zwei Stäbe Schaschlik. Ich bekomme einen Stab, ein Salatblatt und zwei Zwiebelringe. Mein Alsterwasser muss ich mir selbst mischen. 5 Euro, ohne Trinkgeld! Wieder gehen Regenschauer mit Sturmböen herunter. Und für morgen ist mindestens den ganzen Vormittag über Regen angesagt. Es wird auch bessere Tage geben, hoffe ich!

24. Tag 2017

24.Tag

Was heißt 40 % Regenwahrscheinlichkeit? Am Vormittag heißt es drei Stunden Nieselregen. Ich hatte mich gestern nach einer anderen Übernachtung umgesehen: Einzelzimmer mit funktionierender Klimaanlage. Da werden wenigstens meine Sachen trocken. Bei 90 % Luftfeuchte ist es relativ unangenehm, in den nassen Helm vom Vortag einzusteigen. Auch die Socken und das T-Shirt sind nicht richtig trocken. Zwei Querstraßen weiter habe ich was für 30 Euro gefunden und checke bereits um 11.00 Uhr ein. Meine Sachen aus dem Koffer sind auch teilweise nass und bedürfen der Trocknung. Ich relaxe und erledige Schriftkram, bis der Regen vorbei ist.

Batumi hat nur 150 000 Einwohner, ist also kleiner als Lübeck. Ich gehe durch Straßen, die international sind. Zur Straße hin reiht sich Laden an Laden. Aber was für Läden! Der eine hat Waschbecken, aber keine Wasserhähne. Der andere hat Wasserhähne aber keine armierten Schläuche. Irgendeiner hat Dichtungen, aber auch keine armierten Schläuche. Gemüse hat sowieso Jeder und weil man alles gut präsentieren will muss es auf dem Bürgersteig liegen. Als wenn es keine Bürger hier gibt! Am meisten gefallen mir die vielen Wechselstuben. Da sitzen tatsächlich Leute manchmal eine ganze Woche lang, bis endlich ein Kunde kommt und ein paar türkische Lira in hiesige Währung tauschen möchte. Aber alle haben studiert.

Batumi setzt auf Tourismus. Die Türkei ist gleich um die Ecke. Auch dort gibt es Leute, die zwar streng religiös sind, aber Urlaub am Meer machen wollen. Ansonsten kommt die russische Mittelschicht, Ukrainer, Armenier und Azerbeijaner. In den Hostels ist das Publikum westeuropäisch gemischt. Das Zentrum ist für die Besucher herausgeputzt und es gibt sogar Papierkörbe.  Die Strandpromenade mag so 3 km lang sein und bietet alles was ein Badeurlauber möchte. Im Hafen werden Touren angeboten, Jetski, Motorsegler oder man lässt sich mit einem Fallschirm hochziehen. Es gibt Restaurants, weitläufige Parkanlagen, Fotomotive, Rummel und den Buchstabenturm. Da fährt man mit dem Fahrstuhl hoch und hat einen hervorragenden Rundumblich auf die Stadt. Weil sich das alles auf einer Landzunge befindet sind in der Stadt attraktive Denkmäler und teilweise gut restaurierte Häuser. Große Bauruinen gibt es auch, unübersehbar, aber es sind verhältnismäßig wenige. Eine relativ lange Seilbahn führt zu einem Berg. Dort befinden sich zwar nur ein paar Geschäfte und Restaurants, aber man hat einen guten Blick über die Stadt, besonders bei Nacht!

Ich erreiche die Unterkunft und die andern 40 % Regenwahrscheinlichkeit ergießen sich in Form eines Wolkenbruch über eine Stunde lang auf die Stadt hernieder. Das Wetter verspricht für die nächsten Tage nicht besser zu werden. Sogar in Armenien soll es morgen regnen, zum ersten Mal seit vielen Jahren in einem August!

Obwohl das Restaurant dem Hotel angeschlossen ist und deutlich sichtbar mein Schlüssel auf dem Tisch liegt, werde ich hinaus gebeten. Der Tisch sei reserviert und andere Tische nicht verfügbar. Sicher, mit 5 Russen am Tisch lässt sich mehr verdienen, aber was wäre wenn ich der Tester von Michelin wäre? Und da beschweren sich die Leute über Korruption! Nun gut, diese Leute müssen heute ihre Familie ernähren und es interessiert sie überhaupt nicht was danach kommt. Ich kann überall leben, mal besser und mal schlechter, sie müssen hier leben! So gehe ich in den nächsten Shop. Ich habe den ganzen Tag noch Nichts gegessen! Eine Wust, eine Paprika, ein Brot und eine Flasche Wein und fertig ist das herrlichste Abendbrot der Welt! Was sollen die überteuerten lokalen Besonderheiten mit ihren herrlichen Weinen, wenn man sie nicht bekommt! Die Krümel im Zimmer sind etwas für die Reinigung morgen!

22. Tag 2017

22. Tag

Abreise ist immer schwer. Ich verlasse Armenien mit gemischten Gefühlen. Zwar kann ich verstehen, dass 25 Jahre eine kurze Zeit in der Geschichte eines Landes sind, um eine eigene Identität zu finden, aber andererseits bin ich eventuell auch verwöhnt von dem rasend schnellen Aufbau Ost bei uns. Armenien hat keine Bodenschätzte wie Afghanistan oder Azerbeijan. Armenien war über Jahrtausende besetzt, geteilt, ausgebeutet und wie auch immer. Die Herrschaften saßen irgendwo anders, nur nicht im Lande selber. Außer den vielen Kirchen gibt es keine nennenswerten Schlösser oder Burgen. Erdöl wird in Tankwagen aus dem Iran importiert. Etwas Holz und einige Bodenschätze sollen in Berg Karabach liegen. Die Straßen sind in einem nicht so guten Zustand und die Menschen sehen keinen Fortschritt. Es gibt millionen Kleinst-Unternehmen, aber keines ist in der Lage akkurate Arbeit zu leisten. Schuld haben immer die anderen. Man sieht russisches Fernsehen und in ellenlangen Diskussionen wird versucht herauszufinden was und warum Putin etwas macht. Als ich erzähle, dass wir viel unentgeltlich arbeiten, werde ich angesehen wie ein Mensch vom Mond! Ich verstehe, weshalb es nach der Wiedervereinigung wichtig war Rechtssicherheit herzustellen (gleichgültig welches Recht!) und die Verkehrswege (Telefon und Straßen) auszubauen.

In Gumri, ca. 50 km von der Grenze entfernt, lasse ich in einer Pizzeria nochmal alle Eindrücke an mir vorüberziehen. Es war ein kurzer, eventuell zu kuzer, Aufenthalt in diesem Land. Alles habe ich nicht verstanden. Aber einen Eindruck habe ich gewonnen und viele nette Leute getroffen! Meine Vorurteile bezüglich des Straßenbaus werden zerschlagen, denn man baut die Autobahn nach Norden mit Hochdruck. Zwar sehe ich keine Vermesser aber auch am Sonntag wird gearbeitet. Das letzte Teilstück bis zur Grenze ist sehr bergig und noch nicht begonnen. Durch den LKW-Verkehr ist die Straße hier an einigen Stellen mit einem Acker vergleichbar. Auch das Grenzabfertigungsgebäude ist vergleichbar dem in der Ukraine. Das neue Gebäude sieht so aus, als wenn seit Jahren nicht daran gearbeitet wird. Auf georgischer Seite scheint man kein  Interesse an einer Transitroute nach Norden zu  haben. Die vielen Schlaglöcher werden notdürftig mit Grobsplitt gefüllt, an dem sich die LKW ihre Reifen aufschlitzen. Hier auf dem Hochplateau in 2 000 m Höhe ist die Armut in den Dörfern so groß, dass man Kuhfladen trocknen muss, um im Winter etwas Heizmaterial zu haben. Wälder sehe ich keine.

Erst sehr spät, auf 1000 m Höhe in der nächsten größeren Stadt, wird die Straße besser. Es sind die Straßen, die man als Motorradfahrer benötigt. Endlich werden die Reifen auch an Teilen beansprucht, die in Deutschland unberührt bleiben. Selbst kleinste Straßen sind relativ gut ausgebaut. Fairereweise muss am aber auch sagen, dass ich in wenigen Stunden sehr viel mehr Burgen und Kirchen sehe, als es in Armenien der Fall wäre. Es muss hier eine reiche Gegend gewesen sein, in der die Bauern viele Steuern und Abgaben zahlen konnten.

Ich besuche eine Höhlenstadt aus dem 12. Jahrhundert. Auch sie ist nicht ausgeschildert, aber unmittelbar davor sind unübersehbare Zeichen und Wegweiser zu dieser Stätte. Vardzia wurde in eine vom Tal rund 500 Meter aufragende Felswand des geschlagen. Die Baumeister nutzten Vor- und Rücksprünge für die Anlage tiefer Höhlen, die durch Tunnel, Treppen, Terrassen und Galerien miteinander verbunden sind. Für die Einwohner waren ursprünglich 3.000 Wohnungen auf bis zu sieben Stockwerken errichtet worden, die Platz für 50.000 Menschen boten. Jede Wohnung bestand aus drei Räumen. Es gab eine Schatzkammer, eine Kirche, eine Bibliothek, Bäckereien, Ställe und Badebassins. Wasser floss aus Keramikleitungen. Nach einem Erdbeben sind heute noch 750 Räume auf einer Fläche von etwa 900 Quadratmetern erhalten. Hauptattraktion ist die Klosterkirche mit einem prächtigen Säulenportal, einem großen Saal in Form eines Tonnengewölbes, Apsis und Narthex. Sie ist mit farbigen Fresken, darunter Darstellungen der Erbauer, König Giorgi III. und Königin Tamara, ausgestattet. Noch heute leben einige Mönche in Vardzia, die als Fremdenführer fungieren.

Es wird Zeit für Quartiersuche. Ich versuche mein Glück in einem Ressort mit Swimming Pool. Doch 130 Euro für eine Nacht sind entschieden zu viel für mein Budget. 50 km weiter soll es ein Hotel geben für unschlagbare 30 Euro. Das ist genau das, was ich brauche! Die Leute sind freundlich und ich bin der einzige Gast. Weil es in dieser Stadt ein Hotel gibt, das mit Busreisen relativ gut ausgelastet ist, haben sich geschätzt 20 kleinere Hotels etabliert, von denen keiner weiß welchen Standard sie haben und wie die Preisgestaltung ist. Der zentrale Platz ist ein Kinderspielplatz, undenkbar in meiner Heimatstadt Lübeck!

Nette Episode am Rande: Ich werde vom hiesigen BMW-Motorradclub eingeladen zu einer Ausfahrt in die Berge mit Biertrinken und erzählen. Ich lehne ab uns schiebe meine schwere Anreise vor. Gegen 21.00 Uhr erreicht mich ein Anruf aus Jerewan. Ein Männertreffen erwartet meinen Besuch; alle seien schon im Restaurant versammelt. Und da sagen alle, ich würde perfekt Russisch sprechen, bei so vielen Kommunikationsproblemen!

Morgen soll es nach Batumi gehen, über die Berge. Goggle sagt, dass es nicht möglich ist. Garmin hingegen findet die Strecke ideal!

   

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