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Abenteuer 2018-19

Endlich ausschlafen! 8 Stunden reichen! Obwohl es draußen in der Nacht nur 10 Grad waren und das Fenster offen stand bin ich ausgeruht. Für das Frühstück lassen ich mir Zeit, auch wenn ich nicht, wie am Nebentisch, eine halbe Flasche Wein haben muss. Der Kaffee reicht mir, er ist gut. Außerdem gibt es meinen geliebten Haferschleim und Eierpfannkuchen.

Heute ist Kulturprogramm angesagt. Erste Station ist das ethnologische Institut. Durch die Nähe zu Kasachstan und durch die vielen eingewanderten Menschen aus den verschiedensten Regionen Europas in diese Gegend sind mannigfaltige Forschungen möglich. Das Standardwerk über die Geschichte der Deutschen in Sibirien ist leider nur in russischer Sprache verfügbar. Wir verabreden einen Termin mit einer Ahnenforscherin für morgen. Rita hofft, dass sie Unterlagen über ihre Großeltern finden, die hier irgendwo in Sibirien(!) gelebt haben. Leider regnet es immer noch sehr heftig und die Temperatur liegt immer noch bei 12 bis 14 Grad. Deshalb besuchen wir ein (Heimat-)Museum. Natürlich wird die heimische Fauna und Flora gezeigt und wie alles zur bzw. nach der Eiszeit aussah. Die Eroberung Sibiriens vor über 300 Jahren spielt ebenso eine Rolle wie die verschiedenen deutschen Kolonien, die hier durch freie Bauern gegründet wurden. Auch die Episode Koltschak im Bürgerkrieg wird gut dargestellt. Insgesamt ist es jedoch für viele von uns anstrengend.

Der Besuch des deutschen Hauses Omsk steht an. Im klarsten Deutsch, das vielen von meinen Schülern zur Ehre gereichen würde, begrüßt uns eine junge Dame. Mit keiner Frage und keinem Wort hat sie irgendwelche Probleme. Nein, sie stammt nicht aus Deutschland, sie ist Russin. Ihre Eltern waren der deutschen Sprache mächtig und zu Hause wurde deutsch gesprochen. Sie hat eine russische Schule mit verstärktem Deutsch-Unterricht besucht und in Russland studiert. Oder ist man bei solch einer Vita Deutscher, auch wenn man einen russischen Pass hat?????

Mittagessen in einem Imbiss-Restaurant. Wieder einmal das alte Problem in Russland: Es gibt nur europäisches Bier! Aber das Essen ist traditionell russisch. Wir wählen für 5 Euro ein Dreigang-Menü bestehend aus Suppe, Pelemini und Salat mit Majonäse. Oliver (12) bekommt seinen Burger! Das Restaurant ähnelt unseren Burger-Ketten, aber das Essen ist überwiegend russisch und damit viel gesünder. Das muss es auch, denn danach geht es zur Besichtigung der Zentralbibliothek. Westsibirien ist so groß wie Deutschland und die Hauptstadt ist Omsk mit kurz über einer Million Einwohnern! Da sammelt sich ein wenig Geschichte an und auch einige Bücher. Hier im Stadtzentrum (bisher wusste ich nicht, dass Omsk ein Stadtzentrum hat, weil wir immer spät angekommen sind und teilweise schon um 6.00 Uhr abgefahren sind!) beginnt unsere Stadtführung. Der bekannteste Gefangene hier war Dostojewski. Hier, in der 10 jährigen Verbannung, sammelte er den Stoff für seine berühmtesten Romane! (Schuld und Sühne, der Idiot, die Brüder Kasamarow). Ansonsten war das Zentrum immer schon Außenposten des russischen Imperiums. Von hier aus startete vor über 300 Jahren die Eroberung des Ostens und von hier aus wurden die Gefangenen und Deportierten (Unterschied!!!!) in die verschiedensten Gegenden verteilt. Rita ist besonders glücklich, als sie auf die kleine Kirche aufmerksam gemacht wird, in der ihre Großeltern geheiratet haben (was ich bezweifele, denn schon damals war es nicht die einzige lutheraner Kirche in Omsk und auf den Dörfern gab es auch Kirchen, die vom Pastor in Omsk bedient wurden!). Das Gebäude der ehemaligen Kirche gehört heute zwar zu einem Militärmuseum, aber so dicht war sie noch nie bei ihren Großeltern! Komischerweise interessiert sich keiner aus unserer Delegation für die momentane lutherander Kirche im Ort, die ja gleichzeitig der Bischofssitz ist. Auch dass wir dort willkommen wären ist uninteressant, hinsichtlich der Möglichkeit, unter mehr als ein Million Menschen einen Hinweis auf die Großeltern von Rita zu stoßen, was der Suche einer Stecknadel in einem Heuhaufen gleicht.

Der Abend klingt aus mit vielen Gesprächen und Diskussionen. Ja, die russische Seele zu verstehen ist nicht einfach. Die größten Probleme damit haben Menschen, die alles wissen. Wieder einmal bewahrheitet sich mein Leitspruch: Erwarte in Russland nichts, denn es kommt sowieso anders. Egal was du durch Vorurteil oder Beobachtung als normal empfindest, es kommt anders. Und so hat Paul am Nachmittag kein warmes Wasser zum Duschen!

Abenteuer 2018-19

Es hat den Anschein, als wenn am Vormittag alle ein wenig „zerknittert“ sind. Für mich war die Nacht mit nur 5 Stunden Schlaf zu kurz. Unser Zimmer geht zur Straße raus und man muss schon gute Nerven haben, wenn man das Rauschen der vorbeifahrenden Autos die ganze Nacht überhören will. Es regnet, was die Stimmung nicht unbedingt bei 14 Grad anhebt. Nach einer sehr langen und holprigen Autofahrt mit einem Mini-Bus geht es nach Blumenfeld. Der Ort liegt ca. 85 km südwestlich von Omsk. Wir werden herzlich in der Schule empfangen. Bevor die Leiterin mit der Geschichte des Dorfes beginnen kann, wird sie von Rita über unsere Familiengeschichte aufgeklärt. Heute leben in dem kleinen Dorf ca. 2000 Einwohner. Bis zu 600 Kinder haben die Dorfschule besucht. Heute sind von den vielen Esten und Deutschen nur noch wenige ansässig. Die Bevölkerung besteht hauptsächlich aus Kasachen. Die Grenze zu Kasachstan ist nur 30 km entfernt.

Es geht die schlechte Asphalt-Straße zurück nach Alexandrovka. Obwohl der Ort nur halb so groß ist beherbergt er ein feines Museum zur Russlanddeutschen Geschichte. Ich bin erstaunt, wie wenig einige von uns über die globale Geschichte in Russland wissen. Dabei ist alles im Internet vorhanden! Stattdessen werden DNA Proben gemacht um herauszufinden, wer überall auf der Welt mit wem verwandt ist. Das ist in meinen Augen zwar eine nette Maßnahme, kann aber nicht aufklären, an welchem Ort und wie unsere Menschen vor über 100 Jahren in der Verbannung gelebt haben!

Das Museum der Kreisstadt Asovo wird gerade renoviert. Die Führerin spricht russisch und Daria muss übersetzen. Überall liegt Material der Landsmannschaft herum. Es fällt mir schwer zu verbergen, dass ich der Vorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland in Lübeck bin. Die Erwartungen an mich wären sonst zu hoch und außerdem kenne ich mich bei einigen Fakten nicht exakt aus. Das Mittagessen im Hotel-Restaurant ist Super. Es gibt Schmorkohl mit Klößen und zum Nachtisch gedeckten Apfel-Hefekuchen mit Streussel. Ich bin unschlüssig, ob ich Jürgen diese Lokalität für unsere Reise im nächsten Jahr empfehlen soll. Sie entspricht jedenfalls unserem Standard und dieser deutsche Nationalkreis ist sicher eine Bereicherung des Wissens.

Die Damen, es sind heute zwei Begleiterinnen zu uns hinzugekommen, haben sich zum Abschluss eine nette Überraschung ausgedacht. Wir machen eine Bier-Verkostung in einer netten kleinen Brauerei. Hier werden zwar nur 4 Sorten hergestellt, aber der Laden läuft und mit solchen Gästen wie uns läuft er noch besser.

Am späten Abend habe ich keine Lust mehr zum spazieren gehen. Es regnet immer noch und die Temperatur übersteigt die17Grad nur knapp. Überhaupt ist in diesem Jahr alles später. Die Aussaat begann erst Ende Mai/Anfang Juni. Es muss alles schnell gehen, denn Mitte/Ende September kommen die ersten Nachtfröste und im Oktober der Schnee!

Abenteuer 2018-19

Eine von den zwei Wodka-Flaschen war nicht so gut, die wir gestern getrunken haben. Kann auch sein, dass ich in der Nacht zu wenig Sauerstoff bekommen habe. Jedenfalls bin ich um 9.00 Uhr, als das  Frühstück serviert wird, nicht sehr gesprächig. Na gut, ich bin jetzt ja auf diesem Teil der Tour auch nicht der Organisator.

Gegen 10.00 hr treffen wir in Ischewsk ein. Karstens Frau stammt aus dieser Stadt. Deshalb ist dieser Teil seine Organisation. Wir werden vom Bahnhof abgeholt mit 4 Autos! Diese Stadt mit 700 000 Einwohnern macht einen trostlosen Eindruck. Paul aus Kanada sage ich die Worte „Willkommen in Russland“, dabei ist Udmurtien ein selbstständiges Land. Ein Teil unserer Leute schläft im Hotel. Ich gehöre zu den Leuten, die privat untergebracht werden.

Wir besichtigen die Hauptsehendwürdigkeit: das Kalaschnikow-Museum. Paul, der einen kanadischen Waffenschein hat, lässt es sich nicht nehmen die Schießbahn zu nutzen. Für mich kommt es nicht in Frage, weil man neben dem Pass auch die Fahrerlaubnis als Pfand abgeben muss, und die habe ich nicht dabei. Paul trifft relativ gut.

Interessant wird das armenische BBQ. Die angebrannten Auberginen, Tomaten und Paprika werden von den Frauen zu einem Salat verarbeitet. Das Fleisch geht in die Küche und wird warm gehalten. Zum Schluss wird der Tisch im Haus gedeckt, so dass sich die Fläche biegt. Es gibt keinen cm der frei ist. Natürlich müssen Trinksprüche ausgebracht werden und bei 21 Personen am Tisch ist so etwas nicht selten! Ich mache Bekanntschaft mit dem Vater von Rafael. Diese Connection werden wir im nächsten Jahr sicher gebrauchen können, denn er ist Abgeordneter im Sovjet!

Es ist wieder weit nach Mitternacht, als ich diesen Bericht schreibe. Morgen erwartet uns ein strammes Programm. Mal sehen, was ich dann zu berichten habe. Schöne Bilder habe ich heute machen können, aber um sie zu bearbeiten und in das Netz zu stellen benötige ich erfahrungsgemäß eine Stunde Zeit. Da schlafe ich lieber ein wenig!

Abenteuer 2018-19

Es ist schwer anzufangen. Also: Ruhetag! Ich bin privat untergebracht. Erste Station ist die Besichtigung der armenischen Kirche. Ca. 5000 Armenier leben in dieser Stadt mit 700 000 Einwohnern. Der Schwiegervater von Karsten war der Gründer der armenischen Kirche. Wir erhalten eine Führung durch den Nachfolger „Enat“. Es ist ein echtes Kulturzentrum hier entstanden. Armenier zeichnen sich hier dadurch aus, dass sie ihren Glauben verfolgen, sich in der jeweiligen Gesellschaft assimilieren und ihre eigene Sprache und Kultur pflegen.

Es geht weiter nach Woitkinsk. Das ist der Geburtsort von Tschaikowski. Für alle Deutschen: Das ist wir Goethe, Schiller und Beethoven zusammen, falls jemand die Namen kennt! Jürgen, wir müssen dort unbedingt vorbei fahren, aber keine Führung machen. Die dauert zu lange. Das erzähle ich gerne, wenn man es möchte.

Der Leiter der armenischen Gemeinde lässt es sich nicht nehmen, uns einzuladen. Es ist offensichtlich, dass er nicht jeden Tag 13 Leute zu Besuch hat. Trotzdem biegen sich die Tischplatten. Es ist ein Erlebnis, hier Gast sein zu dürfen. Auf Grund seiner Funktion sind die Toaste ein wenig nationalistisch-religiös aber außerordentlich freundlich und tolerant. Selbstverständlich darf auch ich einen Toast ausbringen. Vera ist das neue Wort, das ich auf dieser Tour lerne!

Spät am Abend werden wir nach Agris, einer kleinen Station an der Transsib gebracht.

 

   

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