Brief

Corona! ……   Zeit um mal langsam einiges aufzuarbeiten!

Hier ein Text, den ich 2017 verfasst habe, als mich die Eindrücke in Aserbeijan überwältigten. Viel Spaß beim lesen.

Mein lieber Uropa-Onkel Herrman!

Dein Vater ist mit seinem Bruder, meinem Uropa, aus der Weichselniederung weggezogen. Die erneute Aufteilung Polens bewirkte, dass viele Teile Polens jetzt Russisch wurden und das System der Leibeigenschaft eingeführt wurde. Aber Leibeigene gab es in diesem freien Land nicht. Also brauchte man fleißige Siedler, die gute Steuern zahlen konnten.

Du hast mit Deinem Vater Wald gerodet und Eichen gepflanzt, damit ihr dereinst in richtigen Häusern wohnen könnt und nicht in den Erdlöchern. Die Bug-Holländer und die Stabbrecher waren gute Lehrmeister, was die Entwässerung der Wiesen hier am Styr anging. Die Erde war fruchtbar aber die vielen Kinder konnte sie doch nicht ernähren. Irgendwann kamen die Werber des Zaren ins Dorf. Ich weiß nicht ob dich das Los traf oder ob du dich freiwillig gemeldet hast. Einer aus dem Dorf musste in den Dienst der Armee des Zaren, warum nicht ein Milbrod. Gehorchen warst du gewohnt, denn das Wort des Vaters hatte in unserer Familie immer Gewicht. Du warst inzwischen zwar schon verheiratet und Nachwuchs war auch schon da, aber was macht man nicht alles für das Vaterland. Und die 10 Jahre Grundwehrdienst würden auch vergehen. Zuerst war alles ok, doch dann kam der Befehl gegen die Türken, Verzeihung: gegen die Osmanen, zu ziehen. Es ging weit weg von der Heimat, in den Kaukasus. Über die Hälfte deiner Wehrzeit hast Du hier verbracht.

Öde und trostlos ist die Landschaft hier. Kein Baum weit und breit, nur Büsche und unerträgliche Temperaturn im Sommer. Heute waren es 38 Grad nahezu den ganzen Tag über. Mit den Menschen bist Du sicher gut klar gekommen. Auch bei dir im Dorf leben Juden, Orthodoxe und Mennoiten ruhig zusammen. Auch in der Armee hast du die vielen anderen Glaubensrichtungen kennengelernt. Lass doch jeden glauben was er will, Hauptsache man kann eine Familie ernähren. Und das können viele, egal wie oft sie beten (wenn dann die Möglichkeit in der Armee dazu da ist!). Auch hier ist es nicht anders. Fleißig wird Gemüse und Obst angebaut, man glaubt im Garten Eden zu dein. Aber man muss wässern, viel wässern. Mit geschultem Blick hast du bemerkt, dass hier das Hauptproblem liegt. Nachlässig werden die Gräben gezogen und zu oft nur, lieblos gepflegt. Die Akkuratesse, die du von zu Hause kennst, fehlt oft. Erst ich, in der heutigen Zeit, werde sehen, dass auch Wasser knapp sein kann! In den offenen Kanälen verdunstet zu viel und Tropfenbewässerung können oder wollen sich die Leuten nicht leisten, solange es auch anders geht. Doch manchmal liegen diese Oasen des Ackerbaues sehr weit auseinander in der glühenden Steppe. Dann ist die Steppe hügelig und von tiefen Furchen durchzogen. Ach, und der Glauben. Sie haben keine protzigen Moscheen – einfache Gebetshäuser tun es auch. Und es wird viel gebetet. Ihre Frauen tragen kein Kopftuch oder Schleier. Nur in den Städten wird der Schleier von den feinen Damen getragen, die sich für die Hausarbeit mehrere Bedienstete leisten können. Auf dem Lande arbeiten die Frauen, genauso wie auch deine Frau, auf dem Felde mit. Man schützt die Haare vor dem Staub mit dem Kopftuch, mehr nicht. Na und beim Gebet da achten die Frauen schon auf das Kopftuch, gleichgültig ob Muselmane oder Christ, so wie es in der Schrift geschrieben steht.

Deine Frau ist etwas Besonderes. Lässt einfach eure Tochter zu Hause bei Verwandten und reist dir hinterher. Drei Jahre bleibt sie bei dir im Heerlager. Die Frucht Eurer Liebe ist hier zur Welt gekommen, ein strammer Junge. Überhaupt hast Du großes Glück in Deinem Leben gehabt und nicht jede Entscheidung die du getroffen hast war falsch. Nach deiner Rückkehr von der Armee des Zaren hast du noch lange im Heimatdorf in Wolhynien gelebt. Du bist herumgekommen in der Welt und bist nun ein weiser Ratgeber. Die Arbeit hinterm Pflug ist schwer, aber deine Familie hat immer zu essen. Es war dein Wunsch in der Heimaterde begraben zu werden. Rechtzeitig bist du zurück in die Weichselniederung umgesiedelt. Dein Sohn hat dir Freude bereitet und ist Offizier in der Polnischen Kavallerie geworden. Ob er bei den Opfern von Katyn dabei war, ist ungewiss. Deine Tochter hat das Gemüt der Mutter geerbt, ich habe sie noch kennenlernen dürfen. Vier Männer hat sie beerdigen müssen. Kinder hatte sie nur mit dem ersten gehabt. Leider verstehen die beiden Kinder sich nicht so besonders.

Lieber Uronkel Michael. Ich sitze hier in Baku, der Ort, der in deiner Geburtsurkunde steht. Es hat sich nicht viel geändert hier. Die klebrige Masse, derentwegen man dich hierher geschickt hat, bestimmt immer noch das politische Leben. Naphthalin ist nicht nur gut als Lampenöl zu gebrauchen sondern ist heute ein Rohstoff, der wertvoller ist als Wein. Aber glaube nicht, dass dadurch alles zu Wohlstand und Sauberkeit gekommen ist. Die Gebäude wirken ein wenig verspielt. Vieles wird erst einmal angefangen und nicht immer beendet. Manches baut man auch nur, weil man es machen muss. Die Leute dienen dem Fürsten halbherzig, morgen könnte es ja ein anderer sein. Schulen, wie wir sie in den deutschen Dörfern zu Hause kennen, scheint es nicht zu geben. Die Leute haben Mühe beim Schreiben und Lesen, aber sind allem Neuen aufgeschlossen. Bildung ist nicht viel wert. Es steht uns nicht zu, ihnen Ratschläge zu geben. Es sind Menschen wie Du und ich, die Kinder haben und die zusehen müssen, dass diese genug zu essen haben. Sie leben eben anders. Alles andere ist Politik und geht uns nichts an. So sind wir erzogen worden und so wollen wir es halten.

In Lieber Uronkel. Es zieht uns hinaus in die Welt. Ob als Siedler auf der Suche nach einem besseren Leben oder als oder als Traveller. Du warst nicht freiwillig hier – ich habe mir einen Traum erfüllt. Aber sonst gibt es keinen Unterschied.

Dein Groß-Ur-Enkel