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Pünktlich eine Stunde vor Sonnenaufgang, also gegen 3.30 Uhr, plärrt der Muezzin aus dem Lautsprecher zum Morgengebet um diese Aufforderung eine Stunde später zu wiederholen. Wie bei uns kümmern sich nur wenige Menschen darum. Irgendwo steht geschrieben, das man die Gebete auch zu einem anderen Zeitpunkt nachholen kann.

Entspannt beginne ich den Tag. In Alantya  sollen es heute 30 Grad sein. Mein Motorrad schnurrt, trotz oder gerade wegen der neumodischen Elektronik. Es „frisst“ alle Benzinsorten und bringt auch in Höhenlagen volle Leistung. Wiedereinmal entpuppen sich viele Teile, die ich mit habe, als Ballast, zum Beispiel der alte Laptop zur Programmierung des Garmin. Hinten, in meinem ursprünglichen Zielgebiet wäre er eine große Hilfe gewesen. Ich kann inzwischen, nach über 30 Jahren Reisetätigkeit, mit solchen Lappalien umgehen. Frei nach Koll. Gatzke: So ein Plan steht niemals fest, weil er sich ja ändern lässt!

14 Grad bei der Abfahrt sind nicht wirklich warm, aber ich bin auf 1700 m und inmitten einer Schlechtwetterzone. Die Luft ist immer noch diesig und es ist zu vermuten, dass der See mit seiner Luftfeuchte dazu beiträgt. Bei der Ausfahrt aus Van sehe ich einen Badestrand und Picknick-Buden. Sogar eine Straßenkehrmaschine sehe ich beim arbeiten. Lange zieht der See sich hin. Im Gebirge angekommen fangen auch wieder die Polizeikontrollen an. Nur bei den ersten zwei Kontrollposten wird mein Pass verlangt und kontrolliert. Bei den anderen, geschätzt 10 Kontrollposten heute, werde ich durchgewunden. Ich beschließe heute alle Regenschauer „abzureiten“, nicht wegen des Zeitverlustes für das An- und Aus-ziehen, sondern weil das schlechte Wetter heute aufhören soll. Zögernd, nur ganz zögernd reissen die Wolken auf dieser 500 km Strecke auf und geben den Blick auf ein atemberaubendes Panorama mit schneebedeckten Gipfeln frei. Ich befinde mich heute den ganzen Tag zwischen 1800 und 800 m Höhe. Die Felder werden größer, und auch die Herden Vieh werden größer. Man merkt es, dass sich nicht nur die Landschaft verändert. Unglaublich fragt eine junge Verkäuferin an der Tankstelle im gebrochenem Englisch: you are from Germany? Auf der weiteren Strecke begegnen mir die Sommerlager von Hirten mit ihren Familien, die als Halbnomaden (oder Nomaden?) leben. In der Nähe meines Zielgebietes leben sogar die Straßenbauer im Zeltlager. Tja die Entfernungen sind weit!

Und dann geschieht das Unglaubliche: Das Thermometer erreicht 20 Grad!

Meine Unterkunft befindet sich wieder mitten im Zentrum einer Stadt. Das gefällt mir garnicht. Das Motorrad steht in einer öffentlichen Tiefgarage. Ich habe zum ersten Mal Angst – oder überträgt sich die Sorge meiner Mitmenschen nur auf mich?

 

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Egon Milbrod